Rathaustelegramm Ausgabe 26

Januar 2011 Es gibt keinen Stillstand im Tourismus von Oberstdorf und es entsteht kein Vakuum. Nicht die schnellste, sondern die beste ist die richtige Lösung für Oberstdorf.

Sehr geehrte Damen und Herren

hiermit informiere ich Sie zur aktuellen Situation bei Tourismus Oberstdorf.

Es gibt keinen Stillstand im Tourismus von Oberstdorf und es entsteht kein Vakuum. Nicht die schnellste, sondern die beste ist die richtige Lösung für Oberstdorf.

Die Umstrukturierung des Tourismus Oberstdorf ist zunächst gestoppt.
Die inhaltliche Gestaltung der Geschäftsfelder weist noch Lücken auf.
Zum Ende des Jahres haben sich viele Fragen aufgetan, die wesentliche touristische Aspekte betreffen. Hierbei handelt es sich u. a. um folgende Themen:

- Vertrieb
- Stammdaten der Oberstdorfer Gastgeber
- Vermittlung bzw. Buchung (wie werden in der Zukunft die Betten in Oberstdorf
durch die OTG belegt)

Diese Themen haben wesentlichen Einfluss auf das Tagesgeschäft bei der OTG bzw. bei den Kurbetrieben. So würde sich insbesondere bei den Geschäftsfeldern Vertrieb, bzw. Zimmervermittlung ein Systemwechsel grundsätzlicher Art ergeben.
Bei den Kurbetrieben sind bisher Anfragen von Gästen nach dem Zufallsprinzip vermittelt worden. Zukünftig war geplant, dass die Mitarbeiter der OTG konkret die Gäste in einzelne Häuser einbuchen und von diesen Vermietern dafür Provisionen verlangen dürfen. Gleichzeitig war beabsichtigt, die Stammdaten, also die persönlichen Daten sämtlicher Vermieter und der Zweitwohnungsbesitzer, der OTG zu überlassen. Hierbei handelt es sich um eine sensible Frage des Datenschutzes, insbesondere auch weil die OTG eine privatrechtlich strukturierte Gesellschaft ist und dann möglicherweise auch Drittunternehmen Anspruch auf die Daten haben könnten, die bisher hoheitlich bei den Kurbetrieben verwaltet werden.

Es handelt sich bei diesen Fragestellungen um eine wegweisende, strategische Neuausrichtung des Tourismus Oberstdorf, die aber auch nach der neuen Satzung der OTG zwingend von der Bürgerschaft bzw. vom Gemeinderat vorab diskutiert und entschieden werden müsste. Selbstverständlich hätte eine solche Diskussion bei der Vorbereitung der Umstrukturierung in der Vermieterschaft bzw. bei den entsprechenden Verbänden im Vorfeld stattfinden müssen.

Nach Abwesenheit von Frau Dr. Nolte haben die Kurbetriebe die Fragestellungen daher ab Ende November 2010 für den Tourismusausschuss bzw. Gemeinderat aufgearbeitet. Diese wurden dann am 17.01.2011 in einer Sondersitzung des Gemeinderates beraten. Hierbei hat sich dann die grundsätzliche Fragestellung aufgetan, ob die Umstrukturierung des Tourismus bei derart offenen Fragen nach Konzeption von Frau Dr. Nolte derzeit so umgesetzt werden kann.

Der Gemeinderat hatte im Laufe des Jahres 2010 in vielen kritischen Diskussionen einen Weg im Konsens gesucht und den Mut aufgebracht, die Strukturen zu hinterfragen. Gleichzeitig sollte der Weg geebnet werden, die am Tourismus Beteiligten stärker mit einzubinden. Die touristischen Leistungsträger sollten mehr Mitspracherecht erhalten, sollten aber gleichzeitig auch in einer idealen Verteilung am Tourismusgeschehen beteiligt werden. Hierfür sollten für sechs Bereiche (Privatvermieter, Hotels/Pensionen, Gastronomie, Handel/Gewerbe, Bergbahnen, Sport) Aufsichtsräte bestellt werden. Ausgangspunkt dieser Überlegung war, die Interessen in Oberstdorf auszugleichen, um so in gegenseitiger Abstimmung neue Wege verantwortungsbewusst steuern zu können.

Die OTG alt sollte hierbei als Hülle für diese neuen Strukturen dienen. Allerdings ist nun festzustellen, dass durch Einflussnahme auch ein einseitig ausgerichteter Aufsichtsrat entstehen könnte. Dies ist sicherlich nicht gewollt, nicht wünschenswert und nicht zu riskieren. Es geht hier immer noch um eine demokratische Legitimation, sowohl auf Seiten des Gemeinderates als auch auf Seiten der privaten Gesellschafter.

Der Gemeinderat hat die Interessen aller Vermieter im Auge, und hatte dies auch als Grundgedanken bei allen zustimmenden Beschlüssen zur Umstrukturierung formuliert. So war auch die klare Aussage der Tourismusleitung, dass über die personale Verzahnung zwischen Kurbetriebsleitung und OTG-Leitung ein abgestimmtes Verhalten im Interesse des gesamten Oberstdorfer Tourismus stattfinden sollte.
Es war zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, dass sich die OTG verselbständigt und der von den Bürgern gewählte Gemeinderat nicht mehr die Interessen des Oberstdorfer Tourismus insgesamt wahrnehmen könnte. Dementsprechend ist auch klar und ausdrücklich in die neue OTG Satzung hineinformuliert worden, dass die Gesellschafterversammlung Beschlüsse des Aufsichtsrates abändern kann. Die Gesellschafterversammlung setzt sich aus den Eigentümern, also den Gesellschaftern der OTG zusammen. Der Markt Oberstdorf soll mit seiner großen Mehrheit im Interesse aller Vermieter handeln, aller am Tourismus Beteiligten, Maßnahmen begleiten und durchsetzen, die dem Gemeinwohl insgesamt dienen.

Aus den zwischenzeitlich gewonnen Erkenntnissen und offenen Fragen ist deutlich geworden, dass einzelne aber ungemein bedeutende Themen nochmals zu hinterfragen sind. Der bisher beabsichtigte Systemwechsel - mit weit reichenden Folgen für alle - soll nicht ohne intensive Untersuchung oder unter Zeitdruck umgesetzt werden.

Die ursprünglich von der Tourismusführung angelegten Ideen wurden der Öffentlichkeit noch nicht vollumfänglich vorgestellt, was nun nachzuholen ist.

Bisher ist lediglich der gesellschaftsrechtliche Rahmen vorbereitet worden. Vor diesem Hintergrund gibt es aber keine Rechtfertigung dafür, derzeit sämtliche Ressourcen: Personal, Wissen, Geldmittel und Daten von den Kurbetrieben auf die OTG zu übertragen, zumal die gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen aktuell zu einem ungewünschten Tauziehen um die Tourismusleitung geführt haben.

Es geht hier nicht nur um die Frage, ob es eine Dauerlösung oder eine Interimslösung geben soll. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Frage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der OTG und der Gemeinde. Hier ist klar zu sagen, dass die aktuelle Einflussnahme Einzelner auf die Besetzung der OTG ohne jegliche Information oder Abstimmung mit der Gemeinde stattgefunden hat, obwohl die Mehrheitsverhältnisse bei der Gemeinde liegen.
Dies war und ist weiterhin so geplant, damit hier eine Interessenvertretung im Sinne des Gemeinwohls gewahrt bleibt.

Bei der OTG handelt es sich zwar um eine Gesellschaft in Privatrechtsform. Die OTG hat aber als Gesellschafter Oberstdorfer Bürger und Verbände sowie als Mehrheitsgesellschafter den Markt Oberstdorf. Sämtliche von ihr betriebenen Geschäftsfelder liegen im öffentlichen Interesse. Auf die OTG neu zu übertragende Geschäftsfelder sind bisher hoheitlich von den Kurbetrieben verwaltet und geführt worden. Die OTG ist in ihrer privatrechtlichen Struktur gewinnorientiert, aber fast ausschließlich abgabenfinanziert d.h. finanziert durch Mittel, die von Gästen und Bürgern aufgebracht werden.

Vor diesem Hintergrund verbietet sich die handstreichartige Ergreifung des Geschäftsführeramtes vom 12.01.2011 ohne zuvor mit dem Hauptgesellschafter zu sprechen. Zumal für den 13.01.2011, d. h. für den Folgetag, allen Beteiligten bekannt war, dass auf der Marktgemeinderats-Sitzung genau dieses Thema besprochen werden sollte.
In meiner Eigenschaft als Bürgermeister bin ich automatisch Vorsitzender des Aufsichtsrates und habe dort die Sitzungen zu leiten. So ergeht zwar jede Entscheidung unter meinem Vorsitz, aber nicht immer mit meiner Stimme. Unter anderem gegen meine Stimme, hat der Aufsichtsrat dann trotz aller Hinweise, und im Wissen der für den nächsten Tag anberaumten Marktgemeinderats-Sitzung, den Geschäftsführerposter der OTG neu besetzt.

Wie geht es weiter:
Die derzeitige Unsicherheit bei der Struktur hat keine Auswirkung auf das Tagesgeschäft bei Tourismus Oberstdorf. Projekte werden weiter bearbeitet und umgesetzt. Marketingmaßnahmen laufen weiter, insbesondere auch die Arbeiten zur angelegten Dachmarke „Oberstdorf“. Das Schaltergeschäft und auch die Gästevermittlung funktionieren unbeeinträchtigt fort. Die Strukturänderungen haben bisher nur Einfluss auf die gesellschaftsrechtliche Form der OTG.

In Kürze wird eine Gesellschafterversammlung stattfinden, für die der Marktgemeinderat in seiner Sitzung am 13.01.2011 beschlossen hat, die Bestellung von Herrn Otto-Mäx Fischer als neuen Geschäftsführer aufzuheben. Der Marktgemeinderat hat weiterhin beschlossen, den Abschluss neuer Verträge derzeit auszusetzen.

Der Marktgemeinderat hat darüber hinaus beschlossen, Frau Heidi Thaumiller die Geschäfte der OTG befristet zu übertragen. Frau Thaumiller war von Frau Dr. Nolte mit einzelnen Projekten bei den Kurbetrieben beauftragt und arbeitete seit Juni 2010 für die Kurbetriebe. Sie hat insofern intensives Detailwissen hinsichtlich der Umstrukturierung gewinnen können und das Thema auch nach der Krankheit von Frau Dr. Nolte projektbezogen in den Kurbetrieben aufgearbeitet.
Die gelernte Bankkauffrau und studierte Betriebswirtin hat ihr Grundstudium im Bereich Tourismus absolviert und sodann die Schwerpunkte im Marketing und in der Unternehmungsentwicklung gesetzt. Frau Thaumiller ist gebürtige Oberstdorferin und kennt die Bedürfnisse des Oberstdorfer Gastes seit ihrer Kindheit. Sie ist in der Gastronomie und Hotellerie groß geworden und hat auch zwei Jahre im Oberstdorfer Sportamt gearbeitet.

Frau Thaumiller ist eine fachlich qualifizierte, mit den Tagesabläufen bestens vertraute Persönlichkeit, die eine sachliche Abarbeitung der Themen und eine geordnete Fortführung der Geschäfte in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Gemeinde für Oberstdorf gewährleistet.
Mit Frau Thaumiller ist damit auch die Aufarbeitung der offenen Fragestellungen gesichert, deren Beantwortung nachvollziehbar jetzt der Gemeinderat verlangt.

Es ist nicht auszuschließen, dass die aktuell betriebene Vorgehensweise bei der Besetzung von Posten Handlungsspielräume für weitere Strukturänderungen in anderen Bereichen nimmt bzw. komplett unmöglich macht. Umbruchphasen dürfen nicht zur Schaffung von langfristig wirkenden Konsequenzen ausgenutzt werden. Mit Sicherheit führt diese Vorgehensweise Einzelner leider zu einem Ansehensverlust für Oberstdorf.

Bedenklich ist es auch, wenn einzelne Gemeinderäte, die vom Gemeinderat in den Aufsichtsrat entsandt werden, dort gegen den ausdrücklichen Willen und die Beschlusslage des Gemeinderates stimmen.

Darüber hinaus ist es fragwürdig, wenn ein Gemeinderat, der gleichzeitig Aufsichtsrat ist, und Informationen in seiner Funktion sammeln kann, diese dann nutzt, um Posten zu besetzen, ohne sich zuvor einem ordentlichen Auswahlverfahren zu stellen.
Wie üblich muss in einem unabhängigen Bewerbungsprozess, mit mehreren qualifizierten Bewerbern, in einem geordneten Auswahlverfahren, der zukünftige Ideengeber für den Oberstdorfer Tourismus gefunden werden.

Die aktuelle Vorgehensweise spricht nicht dafür, dass zukünftige Problemstellungen einvernehmlich gelöst werden können. Wie soll bei anstehenden Themen vertrauensvoll, neutral und objektiv damit umgegangen werden, wenn sich schon heute - am Anfang - derartige Problemstellungen ergeben.

Das Tagesgeschäft beweist immer wieder, dass nur sich ergänzende und vertrauensvoll zusammenarbeitende Strukturen für Oberstdorf zum Erfolg führen können.

Im Ergebnis ist die Umstrukturierung für den Moment gestoppt. Die offenen Fragen werden überprüft und die Beschlüsse des Aufsichtsrats in einer Gesellschafterversammlung aufgehoben.

Ich freue mich, dass Sie sich Zeit nehmen und sich über dieses aktuelle Thema informieren.
Bitte geben Sie das Rathaustelegramm auch an Ihre interessierten Bekannten weiter.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Laurent O. Mies
1. Bürgermeister